(Winter-)Fluggeschichte: Vom Fliegen-Wollen und Nicht-Fliegen-Können

Bild Flugzeug-Enteisung. Foto: Flughafen BerlinFlughafen Frankfurt – Es ist eine der zahlreichen Geschichten, wie sie der überaus früh und genauso heftig eingebrochene Winter in den vergangenen Tagen und Wochen vor allem auf europäischen Flughäfen immer wieder geschrieben hat.

Als sei vollkommen ausgeschlossen, dass selbst in heimischen Breiten tatsächlich schon ab Ende November Schnee fallen und liegen bleiben könnte. Es ist eine Geschichte vom Fliegen-Wollen, aber – bedingt eben durch die Witterung – Nicht-Fliegen-Können.

Frankfurt-Innsbruck, tags darauf wieder zurück
Ein Termin in Österreich. Zwei Tage nur in Kühtai in den Stubaier Alpen in Tirol. Geplanter Flug von Frankfurt/Main nach Innsbruck. Und am nächsten Tag gleich wieder von Innsbruck nach Frankfurt/Main zurück. Eigentlich ein Klacks, wenn es nur nicht schon so früh und dazu zu allem Unglück auch noch so lang anhaltend zu schneien angefangen hätte …

Das Unheil nimmt so langsam seinen Lauf
Deshalb: Mehr Zeitpuffer einplanen und noch rechtzeitiger zum Flughafen losfahren. Statt der für die gut 100 Kilometer langen Strecke unter normalen Verhältnissen rund anderthalb Stunden eher mit zwei kalkulieren. Die Anfahrt ist trotz der winterlichen Straßenverhältnisse kein Problem, die Ankunft am Flughafen viel zu früh. Doch das Annullierungs-Unheil, zuvor im Radio schon angedeutet, bahnt sich beim Blick auf die Abflugtafel im Terminal 1 bereits konkreter an, nimmt unaufhaltsam seinen Lauf.

Betroffen vor allem Kurz- und Mittelstreckenflüge
Noch nicht aber am Check-In-Schalter. Da ist die Welt für Lufthansa-StarAlliance-Flug LH 6416 Fra-Inn weiter in Ordnung. Kein Hinweis darauf, dass vor allem Kurz- und Mittelstrecken-Flüge stark verzögert starten oder gar ganz gestrichen werden könnten. Sogar die Bordkarte für den von Tyrolean Airways durchgeführten Rückflug LH 6379 Inn-Fra tags darauf am frühen Nachmittag kann schon ausgedruckt werden. „Soll es beim Sitzplatz 4C am Gang bleiben?” Es soll.

Bild Lange Schlangen an Schaltern gibt’s nicht nur im Winter. Foto: Flughafen Düsseldorf„Versuchen Sie es mit der späteren Maschine”
Vor dem Rückflug muss es aber erst einmal einen Hinflug geben. Und der fängt nach der Sicherheitskontrolle so langsam an, problematisch zu werden. Am Abfluggate B9, wo es mal wieder nicht gleich ins Flugzeug, sondern erst noch in den Bus gehen soll, macht sich Unruhe breit. Nach mehrmaligem Nachhaken wird klar: Die 12-Uhr-Mittagsmaschine fliegt nicht mehr. „Versuchen Sie es mit der Maschine gegen 16 Uhr, die Schalter, an denen Sie umbuchen können, finden Sie …” Die, die wissen, was beim Ansturm auf die nach den ganzen anderen Flugänderungen sowieso schon bedrängten Schalter jetzt kommt, hören die letzten Worte gar nicht mehr, machen sich sofort auf den Weg.

Die Rauf- und Runter-Odyssee beginnt
Also eine Etage tiefer. Zunächst durch die Passkontrolle. Dann wieder eine Etage höher statt an einen Schalter in die Lounge. „Ich will gern versuchen, Sie umzubuchen, aber Sie sehen ja …”, antwortet die Dame am Empfang freundlich-gelassen. „Nehmen Sie erstmal Platz, ich rufe Sie dann auf.” Geschafft! „Hier ist Ihre Bordkarte für den späteren Flug.”

Jetzt fängt das Abenteuer erst so richtig an
Zurück zum Abfluggate B9. Nach der Passkontrolle ist das leider nur auf dem üblichen Weg möglich. Also ganz raus. Wieder eine Etage nach unten. Wieder in die Schlange an der Sicherheitskontrolle. Wieder eine Etage hoch, um dann zu hören. „Für Ihren Flug nach Innsbruck hat es einen Wechsel des Gates gegeben.” Gott sei Dank nur B6 statt B9. Kein Rauf und Runter mehr. Klar, dass auch die Nachmittagsmaschine Verspätung hat. Statt vor 16 Uhr Boarding rund eine Stunde später vor 17 Uhr. Doch jetzt fängt das Abenteuer eigentlich erst so richtig an.

Bus findet „Steiermark” auf Vorfeldposition nicht
Der Busfahrer findet die Vorfeldposition des Fliegers nicht, irrt in der Nähe des Cargo-Bereichs von Rhein-Main umher, findet die „Steiermark” schließlich – „Das gibt’s doch nicht!” – im hintersten Winkel einer Flughafen-Ecke dort. Die Propeller-Triebwerke laufen noch. Sieht aus, als sei der Turboprop gerade erst hier angekommen. Soll heißen: Die Passagiere sind noch gar nicht ausgestiegen. Und die Maschine muss noch für den nächsten Flug vorbereitet, die Kabine gereinigt werden.

Bild Fliegen im Winter kann wie hier mit Blick auf die Alpen so schön sein. Foto: Koch Im Flieger: „Müssen weitere zwei, drei Stunden warten”
„Nochmal eine halbe Stunde, wenn’s reicht”, kann einen der verbliebenen Passagiere scheinbar kaum noch etwas schocken. Und doch: Es kommt noch mehr! Er habe uns, sagt der Kapitän, als wir Platz genommen haben und erwartungsvoll auf das Schließen der Kabinentür, das Anlassen der Triebwerke und das Propeller-Schaukeln über den dunklen Schneewolken warten, die Mitteilung zu machen, dass wir noch weitere zwei bis drei Stunden hier im Flieger warten müssten. Das Wetter! Der An- und Abflugsstau! Die Flugzeugenteisung!

„Die wollten Sie loswerden”
„Ich sag’s Ihnen, wie’s ist“, räumt ein Mitglied der Crew auf die Frage ein, warum die Gäste dieses Fluges dann schon so früh zur Maschine gebracht worden sind: „Die wollten Sie im Flughafen einfach loswerden!” Ein Passagier will nach nunmehr fast acht Stunden vergeblichen Wartens nicht mehr: „Bringen Sie mich bitte zurück zum Terminalgebäude!”

Zu langsames Enteisen, zu wenig (Reserve-)Personal
Kein Problem. Der Bus kommt. Sogar schon in 15 Minuten. Da ist der Streit über vermeintlich mangelhaften Winterdienst auf dem Flughafen bereit voll entbrannt. Fluggesellschaften kritisieren ein dreimal so langes Enteisen der Flieger. Der Flughafenbetreiber kontert mit Blick auf die witterungsbedingt durcheinander geratenen Umläufe, die Airlines hielten nicht mehr genügend Kabinen- und Bodenpersonal in Reserve vor. „Wer’s ausbaden muss“, sagt der aus dem Flieger ausgestiegene Passagier, „sind am Ende doch wie immer wir, die Kunden.” Die nach zwischenzeitlicher Entspannung freilich davon ausgehen dürften, dass Airports und Airlines den Winter so langsam in den Griff bekommen.

fluege.de/Günther Koch/KoCom

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geschrieben von: Co-Pilotin | Die Flugwelt A - Z | 0 Kommentare