Flugzeugentführung: Mit Spielzeugpistole in den Westen

Foto Die Tupolew 134 der LOT mit 62 Passagieren an Bord landete in Berlin Tempelhof (West-Berlin), statt in der DDR.Die Flugzeugentführung von Danzig ist ein kurioses Stück deutsche Geschichte. Heute jährt sie sich zum 38. Mal: DDR-Bürger haben mit einer Spielzeugpistole wagemutig ein Flugzeug entführt, um damit in den Westen zu flüchten. Die Aktion fand Nachahmer.

Wir schreiben das Jahr 1978. Die Hamburger Staatsoper feiert ihr 300-jähriges Bestehen, in den USA wird die erste Folge von „Dallas“ ausgestrahlt und die Comic-Katze „Garfield“ entsteht. Und in einer ganz anderen Ecke des Weltgeschehens, nämlich in Eberswalde in Brandenburg, arbeitet der Westdeutsche Horst Fischer als Bauleiter für das hiesige Schlachtkombinat. Während seines Aufenthalts in der DDR lernt Fischer im Café Moskau in Ost-Berlin die Kellnerin Ingrid Ruske kennen und lieben. Doch welche Zukunft hatte das Paar in der DDR? – Fischer entwickelte den Plan, mit gefälschten Papieren per Bahn nach Danzig zu fahren, um von dort mit der Fähre nach Travemünde auszureisen.

Stasi ist Staatsfeinden auf der Spur

Bei ihrem höchst riskanten Vorhaben stoßen Horst Fischer und Ingrid Ruske auf die Unterstützung von Detlef Tiede, ein langjähriger Bekannter von Fischer. Tiede hatte bereits zwanzig Ausreiseanträge gestellt, um die DDR zu verlassen. – Alle vergeblich. Nun wollte er sich Fischer und Ruske anschließen, und fuhr mit dem Zug nach Danzig. Dort traf er die Kellnerin, doch Horst Fischer kam und kam nicht. Es verstrich ein erster Tag, ein zweiter, ein dritter und ein vierter; doch Horst Fischer, der die gefälschten Papiere mitbringen sollte, traf nicht in Danzig ein. Was die beiden nur vermuten konnten: Der Hamburger wurde vom Ministerium für Staatssicherheit festgenommen. Detlef Tiede und Ingrid Ruske hatten nun zwei große Sorgen: Wie erging es ihrem Kompagnon und wie ging es nun für sie weiter? Da die Pläne zur Flucht aus der DDR offenbar aufgedeckt waren, konnten sie auf keinen Fall wieder umkehren.

Die irre Idee zur Flugzeugentführung

Die Fluchtpläne wurden kurzfristig geändert. Um in den Westen zu entkommen, wollten Tiede und Ruske nicht weniger, als ein Flugzeug entführen. Auf dem Danziger Flohmarkt fand sich eine dafür nützliche Spielzeugpistole. Anschließend wurde bei der polnischen Airline LOT ein Flug von Danzig nach Berlin Schönefeld (Ost-Berlin) gebucht. Der Flug LO 165 verlief zunächst wie gewöhnlich. Kurz vor der Landung in Berlin Schönefeld springt Tiede dann auf und nimmt eine Stewardess als Geisel. Er droht, die Frau (mit der Spielzeugpistole) zu erschießen, falls das Flugzeug nicht in West-Berlin laden würde. Der polnische Pilot reagiert und landet die Tupolew 134 mit 62 Passagieren an Bord in Berlin Tempelhof (West-Berlin), statt in der DDR. Unten eine Originalaufnahme des entführten Flugzeugs am 30. August 1978:

Berlin Tempelhof 1978

Konsequenzen in Ost und West

Eine Sondereinheit der für Tempelhof zuständigen Amerikaner empfing die entführte TU134 – dieser mittleweile etwas in die Jahre gekommene Flugzeugtyp wird aktuell fast nur noch von Air Koryo geflogen –  auf dem Rollfeld. Detlef Tiede stellte sich mit erhobenen Händen und ließ sich ohne Widerstand festnehmen. Auch seine Begleitung Ingrid Ruske kam in amerikanischen Gewahrsam. Von den insgesamt 50 DDR-Bürgern im Flugzeug nutzen spontan sieben weitere Personen, darunter auch eine vierköpfige Familie, die Gelegenheit zur Flucht. Die anderen Passagiere wurden später von den US-Besatzern nach Ost-Berlin übergeben. Die Volksrepublik Polen wünschte zudem die Auslieferung von Tiede und Ruske, doch die amerikanische Besatzungsmacht lehnte ab. Im Mai 1979 wird Tiede vor dem „United States Court for Berlin“ zu neun Monaten Haft verurteilt, die durch Untersuchungshaft bereits abgegolten waren. Das Verfahren gegen die Kellnerin Ingrid Ruske wurde eingestellt, da sie bei ihrer Verhaftung nicht korrekt über ihre Rechte aufgeklärt und ihr mehrere Wochen ein Anwalt vorenthalten worden war. – Ganz anders erging es Horst Fischer. Nachdem er durch die Stasi festgesetzt war, wurde er wegen Fluchthilfe und Menschenhandel zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. 1980 kaufte ihn die Bundesrepublik frei. Kurz darauf heiraten Horst Fischer und Ingrid Ruske. Gefallen hat es Ruske in Westdeutschland aber offenbar nicht. 2010 sagte sie gegenüber dem Spiegel: „Ich hatte keine Erwartungen an den Westen, und auch die wurden noch untertroffen.“ In der DDR wäre sie glücklicher gewesen.

Die Pointe der ganzen Geschichte: Flugzeugentführungen von Polen nach West-Berlin hatten in den folgenden Jahren Hochkonjunktur. Bis 1987 wurden sechszehn weitere Flugzeugentführungen dokumentiert. Der davon meistens betroffenen Fluggesellschaft LOT brachte das den Berliner Beinamen „Landet ooch in Tempelhof“ ein.

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geschrieben von: Co-Pilotin | Die Flugwelt A - Z | 0 Kommentare